Ein soziales Atom zeichnen – Tipps und Leitgedanken

Soziales Atom

Auch in der Netzwerkanalyse spricht man von Atomen: Von sozialen Atomen. Sie geben Aufschluss darüber, wo Personen in einem Gesamtnetzwerk stehen und wie sie darin eingebettet sind. Als Analysewerkzeug, hilft das das soziale Atom, das eigene Netzwerk zu visualisieren und zu hinterfragen. Vielfach kommt Spannendes und Überraschendes dabei heraus. In diesem Beitrag geht es darum, was ein soziales Atom ist, und wie man ein persönliches soziales Atom zeichnet.

Soziometrie und Soziogramm

Der Begriff des sozialen Atoms geht auf den Psychiater und Soziologen Jacob Levy Moreno (1889 -1974) zurück. Er gilt in der Netzwerkforschung als einer der Vordenker. Sein Name ist unter anderem auch mit dem Begriff der Soziometrie untrennbar verbunden. Darüber hinaus gilt er als Erfinder des Psychodramas, einer Methode, die heute vielfach im Coaching eingesetzt wird und auf Elementen des Stegreiftheaters beruht.

Mit der soziometrischen Verfahren hat Moreno bereits in den 1930ern Jahren psychologische Prozesse und Beziehungen innerhalb von Gruppen analysiert; teilweise auch mit mathematischen Ansätzen. Für die Darstellungen der Gruppenprozesse, die sogenannten Soziogramme, verwendete er einfache Symbole und Linien. Damit bildete er die Strukturen der zugrunde liegenden sozialen Systeme und Gemeinschaften grafisch nach und machte sie anschaulich. So waren sie leichter zugänglich und verständlich. Das macht man sich heute noch zu Nutze. In der Abbildung unten sind verschiedene Netzwerktypen beispielhaft abgebildet. Ein Beispiel für eine Netzwerkanalyse auf der Grundlage von (Re-)Tweets kann man hier im Blog ebenfalls finden, genauso wie die Analyse eines Ko-Autorennetzwerks.

Theorie und Praxis: Das soziale Atom

Im Rahmen der Soziometrie ist das soziale Atom zunächst erst einmal ein theoretisches Konzept. Es beruht darauf, dass die Struktur eines Gesamtnetzwerkes in immer kleinere Bestandteile geteilt werden kann. Das geht bis zu einer einzelnen Person innerhalb eines Netzwerks. Der „Beziehungskern“ dieser Person und seine Stellung im Netzwerk bilden das soziale Atom (in Anlehnung an das griechische Wort „atomos“, das „unteilbar“ bedeutet). Im diesem Sinne ist ein Gesamtnetzwerk ein Beziehungsmolekül, das aus vielen sozialen Atomen zusammengesetzt ist.

Netzwerkvisualisierungen
Netzwerke können auf verschiedene Art und Weise visualisiert werden.

Aber nicht nur in der Netzwerktheorie taucht das soziale Atom auf. Auf der anderen Seite ist es nämlich auch ein Analysetool. Coaches und Therapeuten setzen es häufig ein, um das soziale Netzwerk bzw. Beziehungsgeflecht (Ego-Netzwerk) ihrer Klientinnen oder Klienten zu visualisieren. Zusammen können sie dann Einblicke in tiefere Schichten des Netzwerks erarbeiten. Dabei spielen unter anderem die Anzahl wichtiger Bezugspersonen sowie die Intensität und Qualität der Beziehung zu ihnen eine Rolle.

Das soziale Atom in der Anwendung

Das soziale Atom ist allerdings nur ein Schnappschuss, weil das persönliche Netzwerk sich stetig wandelt. Mit jeder neuen Beziehung kann ein neues Element im Netzwerk entstehen. Bis heute hat die Methode „soziales Atom“ viele Veränderungen und Weiterentwicklung erfahren. Es stehen nicht mehr alleine lebende Menschen im Mittelpunkt der Betrachtung. Auch Verstorbene, Dinge oder Tiere können im sozialen Atom eine Rolle bekommen. Wichtig ist nur, welche (emotionale) Bedeutung ihnen im Netzwerk zugeschrieben wird und welche Fragen man beantworten will. Geht es mehr um Familiengeschichten? Oder um die Verbindungen und Kommunikationswege am Arbeitsplatz?

Beispiel Soziales Atom
So kann ein soziales Atom aussehen. Allerdings ist es hier stark schematisch dargestellt.

Für die Erstellung des sozialen Atoms sind der Fantasie eigentlich keine Grenzen gesetzt. Um das eigene Egonetzwerk zu zeichnen, muss man kein Künstler sein. Mit wenigen Strichen, geometrischen Formen oder Symbolen lassen sich aussagekräftige Netzwerkvisualisierungen/Soziogramme erstellen.

Einige Leitlinien und Anleitungen sind jedoch hilfreich, damit die Darstellung ihre Aussagekraft nicht verliert. Für die Bearbeitung sollte außerdem ausreichend Zeit eingeplant werden. Nachfolgend ein paar Tipps, wie man ein soziales Atom zeichnet. Ein sehr schematisches Beispiel eines sozialen Atoms zeigt die nebenstehende Abbildung.

Mit wenigen Strichen das eigene soziale Atom zeichnen

  • Die Person, um die es geht, zeichnet zuerst ein Symbol für sich irgendwo auf ein Blatt Papier (z. B. DIN-A4 oder größer) oder sie schreibt ihren Namen oder das Wort „Ich“. Aus Platzgründen ist es vorteilhaft, in der Mitte des Blattes zu beginnen.
  • Dann kommen weitere Elemente auf das Blatt: Dazu nennt man möglichst spontan Personen oder Dinge, zu denen es eine emotionale Bindung gibt. Auch diese werden mit Symbolen versehen.
  • Der Einfachheit halber werden Frauen mit einem Kreis und Männer mit einem Dreieck dargestellt. Gruppen oder andere Dinge des Netzwerkes werden mit einem Quadrat bezeichnet. Grundsätzlich gilt jedoch: Der Fantasie sind bei der Auswahl der Symbole keine Grenzen gesetzt.
  • Die Symbole erhalten eine Nummer: Eine „1“ für das Symbol, welches als erstes gesetzt wurde, eine „2“ für das zweite Symbol und so weiter. Außerdem bekommt jedes Symbol eine kurze Beschriftung, wen oder was es darstellt.
  • Emotionale Nähe oder Ferne zur Ausgangsperson kann durch die Entfernung der Symbole zueinander angedeutet werden. Die Größe des Elements sagt etwas über seine Bedeutung aus.
  • Die jeweiligen Symbole werden mit der Hauptperson durch Linien oder Striche verbunden. Ein dicker Strich oder mehrere Linien eng nebeneinander stehen für eine starke Beziehung. Eine dünne Linie oder Strich stehen für eine schwache.
  • Positive Beziehungen sind durchgängig. Negativ empfundene Beziehungen werden als solche gekennzeichnet. Hier können Linien oder Striche geschlängelt oder mit kurzen Querstrichen durchgestrichen sein (siehe Beispiel „Soziales Atom).
  • Die Auswertung und Interpretation des sozialen Atoms kann alleine erfolgen, aber auch mit einem Coach. Dieser wird die richtigen Fragen stellen. Gemeinsam kann man Konfliktherde herausarbeiten oder Zielkonflikte ausfindig machen. Fragen, die dabei eine Rollen spielen: Was fällt am sozialen Atom auf? Wer steht der zentralen Person am nächsten? Wer ist ihr am entferntesten? Wo bestehen enge Beziehungen? Wer sorgt für Stress? Wer gibt Kraft? Warum?

Fazit

Ein soziales Atom zu zeichnen, ist nicht kompliziert. Es eignet sich, ganz im Sinne seines Erfinders Moreno, um soziale Beziehungen und emotionale Prozesse darzustellen und ihre Wirkungen zu analysieren. Ich habe das Tool schon häufig eingesetzt und damit gute Erfahrungen gemacht. Das soziale Atom bringt nicht immer den Durchbruch, aber die konzentrierte Auseinandersetzung mit (emotionalen) Beziehungen ist immer wieder für Überraschungen gut. Muster werden erkannt. Oder die Erkenntnis reift, wieviel Unterstützung und Hilfe bei bestimmten Problemen doch bereits im eigenen Netzwerk steckt. Dieses Potential darf man nutzen.

Christian H. Meyer
Forschung, Innovationsberatung und Coaching aus einer Hand. Unter dem Motto "Ideen. Entwickeln. Kommunizieren." unterstütze ich Unternehmen bei Fragen zu Kommunikation und Management. Außerdem begleite ich als Coach und Mentor Menschen in Veränderungsphasen. Wenn Ihnen dieser Beitrag gefällt, zögern Sie nicht, ihn zu teilen oder zu kommentieren. Fragen dazu beantworte ich gerne.

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