Die Vision einer Kreislauflandwirtschaft

Kreislauflandwirtschaft im Schema

Um grundlegende Veränderungen einzuleiten, braucht es eine klare Vision und eine tragfähige Strategie: Die niederländische Landwirtschaftsministerin Carola Schouten hat jetzt eine solche vorgelegt. In ihrem Strategiepapier heißt es, dass die Niederlande bis zum Jahr 2030 durch das Schließen von Stoffkreisläufen zu einem Vorreiter der Kreislauflandwirtschaft werden sollen. Aber Überlegungen in Richtung Kreislauflandwirtschaft gibt es auch woanders. In der kanadischen Region Guelph/Wellington denkt man ebenfalls darüber nach, Kreisläufe innerhalb des Ernährungssystems wirksam zu schließen. Dort wollen die Beteiligten schon bis zum Jahr 2025 wichtige Meilensteine erreichen.

Eigentlich ist das Denken in Kreisläufen zumindest in der Landwirtschaft nichts Neues. Gülle und Mist beispielsweise sind Nebenprodukte der Tierhaltung. Traditionell nutzen Landwirtinnen und Landwirte sie als Dünger im Ackerbau, unter anderem auch um wieder Futter für die Tiere anzubauen. Aber durch die Globalisierung und die Industrialisierung der Agrar- und Ernährungswirtschaft hat das Kreislaufsystem Unwuchten bekommen. Es läuft an manchen Stellen nicht mehr rund. In viehintensiven Regionen beispielsweise, wo Mist und Gülle im Überschuss anfallen, wird es schwerer die lokalen oder überregionalen Kreisläufe aufrecht zu erhalten. Anstatt die überschüssige Gülle als Dünger zu verkaufen, müssen die landwirtschaftlichen Betriebe zunehmend für ihre Entsorgung als Abfallprodukt bezahlen.

Systemveränderungen durch Kreislauflandwirtschaft

Die Niederlande wollen dieses System jetzt verändern: In der im September 2018 vorgelegten Strategie zur Kreislauflandwirtschaft heißt es: Die Zukunft der Nahrungsmittelversorgung könne nur dann sichergestellt werden, wenn auf eine Landwirtschaft mit geschlossenen Kreisläufen umgestellt würde. Klare Worte also, auf die Taten folgen sollen.

Die Ausführungen im Strategiepapier betonen zwar, dass Kostensenkungen und Produktionssteigerungen innerhalb der Branche zu wirtschaftlichem Wachstum geführt hätten, aber anderseits auch zu großen Unterschieden bei den Einkommen landwirtschaftlicher Betriebe. Der durch das System entstandene große Druck auf die Umwelt ist ebenfalls ein Thema im Papier. Eine Übernutzung von Boden, Wasser und Rohstoffen müsse künftig verhindert werden. Die Herstellung von Lebensmitteln dürfe nicht auf Kosten der Artenvielfalt, der Trinkwasserqualität oder des Klimas geschehen, so die Ansage.

Aber wie schließt man die Kreisläufe? In den Niederlanden hat man auf diese Frage folgende Antworten gefunden:

  • Die wirtschaftliche Position der landwirtschaftlichen Betriebe in einer Kreislauflandwirtschaft soll gestärkt werden.
  • Die Wertschätzung für Lebensmittel soll steigen und die Lebensmittelverschwendung sinken.
  • Innovative Produktionsmethoden und neue Ertragsmodelle sollen die Umsetzung absichern.
  • Alle beteiligten Anspruchsgruppen aus Wirtschaft, Gesellschaft, Wissenschaft und Behörden sind einzubinden.

Leider bleibt die Strategie noch vage, wie die Ziele erreicht werden sollen. Sicher sind noch viele Gespräche darüber nötig. Der Veränderungsprozess ist jedoch erst einmal angestoßen.

Die Vision eines kreislaufbasierten Ernährungssystems

Weiter und konkreter ist man schon in der kanadischen Region Wellington/Guelph. Dort soll Kanadas erste kreislaufbasierte Ernährungswirtschaft entstehen („Canada’s first circular food economy“).

Im Gegensatz zu den Niederlanden sind die Pläne in Guelph schon mit SMARTEN-Zielen und Maßnahmen unterlegt. Folgendes will man bis zum Jahr 2025 erreichen:

  • Der Zugang zu erschwinglichen, nahrhaften und regionalen Lebensmitteln soll um 50 Prozent steigen.
  • Fünfzig neue kreislaufbasierte Unternehmen and Kooperationen soll gegründet werden.
  • Die Einnahmen aus der Kreislaufwirtschaft sollen bis 2025 um 50 Prozent steigen durch die „Wertschätzung der Abfälle“.

Damit die Vision einer Kreislauflandwirtschaft in und um Guelph Wirklichkeit wird, sollen Fachleute, Gründerpersönlichkeiten, Kreative und Menschen, die sich aktiv für ihre Gemeinde einsetzen, eng zusammenarbeiten. Zielgerichtete Projekte, zu denen u. a. die Gründung eines „Circular Food Economy Labs“ gehört, sollen entsprechende Partnerschaften befördern und die notwendigen Schritte voranbringen. Im „Lab“ beispielsweise wollen die Beteiligten das Wissen der Akteure und Akteurinnen bündeln und weiterentwickeln.

Fazit: Veränderung ist Gemeinschaftsaufgabe

Die hier beschriebenen Initiativen sind sicher nicht die einzigen, die sich mit der Veränderung des Agrar- und Ernährungssystems beschäftigen. Sie zeigen aber exemplarisch, dass über Veränderungen sowohl im großen Maßstab (Niederlande) als auch im regionalen Maßstab (Guelph) nachgedacht wird.

Die Beispiele zeigen aber auch: Das Thema Veränderung bzw. Transformation des Bestehenden wird auch in den kommenden Jahren die Agrar- und Ernährungswirtschaft beschäftigen. Ein „weiter so wie bisher“ wird es aller Voraussicht nach nicht geben. Der Veränderungsdruck ist zu groß. Sicher ist nur: Bei den notwendigen Anpassungen wird es Verlierer und Gewinner geben.

Wer nicht zu den Verlierern gehören will, muss sich rechtzeitig Gedanken über die Zukunft machen und klare Ziele formulieren. Denn nur wenn klar ist, wohin die Reise gehen soll, können alle Beteilgten entsprechend wirksame Umsetzungsmaßnahmen einleiten.

Davon angesprochen sind aber nicht nur die Betriebe, sondern auch Politik und Gesellschaft. Die notwendigen Veränderungen des Ernährungssystems anzugehen, ist eine Gemeinschaftsaufgabe. In diesem Zusammenhang sind die sogenannten „Labs“ (s. Guelph) oder auch „Reallabore“ interessante Einrichtungen. Wirtschaft, Wissenschaft, Politik und gesellschaftliche Gruppen können dort gemeinsam Ziele entwickeln und Umsetzungswege zunächst im Kleinen testen. Das Schließen von Kreisläufen im Ernährungssystem und die Umstellung auf eine Kreislauflandwirtschaft kann davon sehr profitieren.

Ich bin auf jeden Fall gespannt, wie beide Projekte sich entwickeln. Was denken Sie? Was denkt ihr?

Christian H. Meyer
Ich bin Christian H. Meyer. Hier im Blog schreibe ich über Themen und Ideen aus den Bereichen Nachhaltigkeit, Coaching und Forschung. Und außerdem über das, was mich sonst noch interessiert. Wenn Ihnen dieser Beitrag gefällt, zögern Sie nicht, ihn zu teilen oder zu kommentieren. Fragen dazu beantworte ich gerne.

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