Was ist ein nachhaltiger Lebensstil?

Es gibt nicht den einen nachhaltigen Lebensstil

Der Verlust an Artenvielfalt, der Klimawandel, die Verschmutzung der Meere mit Plastik: Viele der großen gesellschaftlichen Herausforderungen haben ihren Ursprung im menschlichen Verhalten. Das heißt, die Herausforderungen können nur von uns Menschen bewältigt werden. Als einen Lösungsweg schlagen Fachleute immer wieder vor, dass unsere Lebensstile nachhaltiger werden müssten. Doch was ist das eigentlich: Ein nachhaltiger Lebensstil? Und was gehört dazu? Antworten auf die Fragen, habe ich in diesem Blogbeitrag zusammengestellt.

Im Allgemeinen Sprachgebrauch bezeichnen die meisten Menschen mit dem Begriff „nachhaltiger Lebensstil“ ein nachhaltiges Verhalten. Ich bemühe mich zum Beispiel, keine Lebensmittel wegzuwerfen. Ich fahre häufiger mit dem Fahrrad zur Arbeit als früher und ich bin seit knapp zwei Jahren nicht mehr geflogen. Das sind Beispiele aus meinem Leben, wie ich versuche Ressourcen zu sparen und mich nachhaltiger zu verhalten. Aber ist das wirklich schon ein nachhaltiger Lebensstil?

Der Lebensstil als Gegenstand der Forschung

Der Begriff Lebensstil hat Ursprünge in der Wissenschaft. Unter anderem spielt er in der Psychologie und in der Soziologie eine Rolle. Die Erforschung von Lebensstilen hat eine lange Tradition und basiert auf unterschiedlichen Methoden und Theorien. Das ist auch der Grund, warum eine einheitliche Definition des Lebensstilbegriffs bis heute schwierig ist. Auch im allgemeinen Sprachgebrauch wird der Begriff unterschiedlich verwendet. Meist bezieht er sich darauf, wie Menschen sich in bestimmten Lebensbereichen verhalten, wie sie sich ausdrücken, wie sie sich kleiden, ernähren oder einrichten.

Die Lebensstilforschung versucht in diesem Zusammenhang, das beobachtete Verhalten anhand bestimmter Merkmale zu beschreiben und Einflussfaktoren zu bestimmen, die ein bestimmtes Verhalten fördern oder hemmen.

Viele Forschungsfragen entstehen daraus. Um diese zu beantworten, erheben Forscherinnen und Forscher weltweit umfangreiche Daten. Daraus leiten sie ab, was bestimmte Gruppen von Menschen gemeinsam haben und wodurch sie sich von anderen Gruppen unterscheiden. Welche Vorlieben sie teilen oder was sie ablehnen. Kurz: Sie fassen diese Gruppen zu Lebensstilgruppen zusammen, in dem sie den Gruppen und ihrer Art zu leben bestimmte Bezeichnungen geben.

Den einen nachhaltigen Lebensstil gibt es nicht

Es gibt viele Merkmale, mit denen Lebensstile beschrieben werden können. Die Auswahl der jeweiligen Merkmale hängt dabei unter anderem von den Untersuchungsmethoden und den jeweiligen Forschungsfragen ab. Der Gesellschaftswissenschaftler Hartmut Lüdtke hat drei Dimensionen benannt, nach denen die Merkmale geordnet werden können. Diese sind:

  • Lage: Hierzu gehören Aussagen über die soziale Lage der Menschen. Dazu gehört ihr Einkommen, ihre Bildung oder die Zugehörigkeit zu sozialen Netzwerken etc.
  • Mentalität: In diesen Bereich fallen Aussagen über die inneren Haltungen der Menschen, ihre Einstellungen oder ihre Zielvorstellungen etc.
  • Performanz: In diesem Bereich stehen die (beobachtbaren) Verhaltensmuster im Fokus der Untersuchung. Dazu gehören u. a. der Konsum, das Freizeitverhalten oder der Kleidungsstil etc.
Den einen nachhaltigen Lebensstil gibt es nicht. Dazu ist das Thema Nachhaltigkeit zu komplex.
Den einen nachhaltigen Lebensstil gibt es nicht. Dazu ist das Thema Nachhaltigkeit zu komplex.

Die drei Dimensionen Lage, Mentalität und Performanz können jeweils mit den ökologischen, ökonomischen und gesellschaftlichen Dimensionen der Nachhaltigkeit kombiniert werden. Das bedeutet: Es gibt nicht den einen nachhaltigen Lebensstil. Aufgrund der Vielzahl von Merkmalen und deren Kombinationsmöglichkeiten, mit denen man einen Lebensstil beschreiben kann, ist es theoretisch nämlich möglich, sehr viele (nachhaltige) Lebensstil-Gruppen zu bilden. Es kommt auf den Blickwinkel an.

Ein nachhaltiger Lebensstil, der in diesem Zusammenhang eine gewisse Bekanntheit erlangt hat, ist der sogenannte „Lifestyle of Health an Sustainability“ (LOHAS). Die Menschen, die diesem Lebensstil bzw. dieser Zielgruppe zugerechnet werden, sind gekennzeichnet durch ihren Konsum und ihr Bewusstsein für Gesundheit (Mentalität). LOHAS-Menschen wollen Genuss und Nachhaltigkeit verbinden. Dafür sind sie auch bereit, Geld auszugeben – auch für Luxusprodukte, die ihren besonderen Ansprüchen genügen (Performanz). Für diese Menschen stehen Genuss und Konsum offenbar nicht im Wiederspruch. LOHAS-Menschen findet man überall. Aber es heißt, dass sie in bestimmten Berufsgruppen häufiger anzutreffen sind und dass sie in der Regel recht gut verdienen (Lage).

Nachhaltiger Konsum in vielen Bereichen des Lebens möglich

Generell gilt: Das Konsumverhalten ist häufig Ausgangsbasis für die Definition von bestimmten Lebensstilen bzw. Lebensstilgruppen. Die Psychologin Katharina Klug beispielsweise hat einige solcher Lebensstile beschrieben. So bezeichnet sie Menschen, die Müll vermeiden, bevor er entsteht, beispielsweise als Precycler. Auch für diese Menschen ist ein nachhaltigeres Leben von Bedeutung. Sie haben aber einen anderen Fokus als die LOHAS-Menschen. Das heißt aber nicht, das LOHAS-Menschen nicht auch Precycler sein können, oder umgekehrt. Es kommt eben auf den Blickwinkel an (s. o.).

Doch es gibt noch weitere Spielräume für Veränderungen als die Abfallvermeidung. Wie vielfältig diese sind, zeigt beispielsweise das Programm zum nachhaltigen Konsum der Bundesregierung. Darin sind Lebensbereiche benannt, in denen ein nachhaltigeres Verhalten besonders wirksam sein kann, aber auch notwendig ist. Dazu gehören unter anderem die Bereiche:

  • Mobilität
  • Ernährung
  • Wohnen und Haushalt
  • Freizeit und Tourismus
  • Bekleidung
  • Arbeiten und Büro

Sicher kann man nicht in allen Bereichen gleich und zu 100 Prozent nachhaltig sein, aber man kann Prioritäten setzen. Dabei gilt übrigens, dass ein nachhaltiges Leben nicht teuer sein muss. Wer seinen Konsum und Ressourcenverbrauch bewusst gestaltet und überflüssige Ausgaben einschränkt, spart sogar Geld.

Entwicklungsziel 12: Nachhaltige Produktions- und Konsummuster
Entwicklungsziel 12: Nachhaltige Produktions- und Konsummuster

Wer ein nachhaltigeres Leben führen will, kann eigentlich unmittelbar damit anfangen. Der nachhaltige Konsum ist dafür ein guter erster Schritt. Wünschenswert wäre, wenn möglichst viele Menschen diesen Schritt gehen: Wenn nämlich viele Verbraucherinnen und Verbraucher ihr Nachfrageverhalten verändern würden, hätte das auch Auswirkungen auf das Angebot. Unternehmen, die sich den nachhaltigkeitsorientierten Lebensstilen bzw. Zielgruppen nähern wollen, werden dann ihre Geschäftsmodelle entsprechend darauf ausrichten und ggf. darauf anpassen. Sie werden stärker auf geschlossene Kreisläufe setzen oder Verpackungsmaterial einsparen. Ein gewisser Trend in diesem Bereich ist bereits erkennbar. Nachhaltigkeit treibt Innovationen. Und nicht umsonst lautet das SDG 12: Nachhaltige/r Produktion und Konsum.

Der Lebensstil dient auch zur Orientierung und Identitätsbildung

Wie auch immer wir (nachhaltige) Lebensstile definieren. Die Zusammensetzung bestimmter Lebensstilgruppen ist nicht statisch. Sie unterliegt immer auch dem Zeitgeist. Und je nach Lebensphase kann die (selbstgewählte) Zugehörigkeit zu einem bestimmten Lebensstil auch Orientierung und Richtung geben. Vorgefertigte Lebensstile wirken dann Sinn- und Identitätsstiftend. Das drückt sich dann auch in der Art und Weise aus, wie Menschen sich kleiden, ihre Wohnung einrichten, oder sich in der Öffentlichkeit ausdrücken. Wer jetzt an Punks, Hippies oder Hipster denkt, weiß was ich meine.

Die mit einem besonderen Lebensstil verbundenen Verhaltensweisen können aber nicht nur Zugehörigkeit, sondern auch eine deutliche Abgrenzung zu anderen Lebensstilen und Lebensentwürfen zum Ziel haben. Diese Abgrenzung kann dabei bis hin zur offenen Ablehnung Andersdenkender reichen oder auch bis zur offenen Feindschaft.

Anhand der Diskussionen in den Filterblasen und Echokammern des Internets werden solche Abgrenzungen gegenüber Andersdenkenden immer wieder deutlich sichtbar. Besonders dann, wenn es um Themen der Nachhaltigkeit mit Streitpotential geht, wie Klimawandel, Fleischkonsum oder auch um die Gerechtigkeit zwischen den Geschlechtern. Hier ist Besonnenheit gefragt: Nachhaltigkeit ist ein komplexes Thema. Einfache Lösungen gibt es nicht. Es gibt viele Zielkonflikte, die überwunden werden müssen. Dazu sind aber zielgerichtete und wertschätzende Diskussionen nötig.

Fazit: Verhaltensänderung als Ausgangspunkt für nachhaltigeres Leben

Lebensstile lassen sich mit vielen Merkmalen beschreiben. Den einen richtigen oder den einen nachhaltigen Lebensstil gibt es nicht. Als Verallgemeinerung bzw. sehr weitgefasste Definition eines nachhaltigen Lebensstils kann man vielleicht in Anlehnung an den Brundtland-Report sagen: „Ein Lebensstil ist dann nachhaltig, wenn er dazu beiträgt, die heutige Welt etwas besser zu machen, so dass auch noch kommende Generationen ihre Bedürfnisse stillen können.“

Sicher ist nur: Je besser es gelingt, die ökonomischen, ökologischen und gesellschaftlichen Dimensionen der Nachhaltigkeit durch eigenes Verhalten in Einklang zu bringen, desto nachhaltiger leben wir. Ein guter erster Schritt in die Veränderung des eigenen Konsums. Aus den Veränderungen entstehen Möglichkeiten und neue Erfahrungen. Die Ernährung der Zukunft zum Beipsiel hat ja viele Spezialitäten im Angebot, die auch nachhaltig sein können.

Aus den Verhaltensänderungen und aus den neuen Erfahrungen entstehen möglicherweise neue und positive Einstellungen gegenüber dem Thema Nachhaltigkeit. Diese Einsellungen können Grundlage sein, für einen Wandel in der Gesellschaft. Die Europawahl 2019 hat bereits gezeigt: Nachhaltigkeitsthemen spielen verstärkt eine Rolle.

Doch wie sieht es jetzt mit meinem eigenen Lebensstil aus? Die finale Antwort überlasse ich der Forschung. Ich zähle mich selbst nicht zu den LOHAS-Menschen und bin auch noch weit davon entfernt, ein Precycler zu sein. Aber ich kann mich an deren Verhaltensweisen orientieren und mich noch mehr bemühen, Abfall zu vermeiden, das Auto stehen zu lassen und andere Dinge zu tun, die nachhaltig sind. Ich bin damit noch nicht am Ende und ich werde mich weiter mit dem Nachhaltigkeitshandeln beschäftigen. Dazu lade ich auch die Leserinnen und Leser dieses Blogs ein. Vielleicht hat die Forschung ja noch einige spannende Ansätze parat.

Referenzen und weiterführende Literatur

  • Hradil (2016). Lebensstil, in: J. Kopp, A. Steinbach (Hrsg.), Grundbegriffe der Soziologie, Springer Fachmedien Wiesbaden 2016
  • Klug, K. (2018). Vom Nischentrend zum Lebensstil, Springer Fachmedien Wiesbaden GmbH
  • Lüdtke, H. (1999): Methoden der Lebensstilforschung. In: Dietmar Bolscho und Gerd Michelsen (Hg.): Methoden der Umweltbildungsforschung. Opladen: Leske + Budrich, 143–161
  • Reusswig, F. (2002). Lebensstile und Naturorientierungen. Gesellschaftliche Naturbilder und Einstellungen zum Naturschutz. In Dieter Rink (Hrsg.): Lebensstile und Nachhaltigkeit Konzepte, Befunde und Potentiale, Springer Fachmedien Wiesbaden GmbH 2002

Christian H. Meyer
Ich bin Christian H. Meyer. Hier im Blog schreibe ich über Themen und Ideen aus den Bereichen Nachhaltigkeit, Coaching und Forschung. Und außerdem über das, was mich sonst noch interessiert. Wenn Ihnen dieser Beitrag gefällt, zögern Sie nicht, ihn zu teilen oder zu kommentieren. Fragen dazu beantworte ich gerne.

Schreib einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.