Warum werden Aktivistinnen und Aktivisten nicht gemocht?

Gefährden Aktivistinnen und Aktivisten die Ordnung?

Ist Greta Thunberg eine typische Aktivistin? Zumindest wird sie für ihr Handeln von verschiedenen Seiten beäugt und kritisiert – auch im Internet und nicht immer nett. Vor kurzem ist Greta als Teil einer Crew mit einem Segelboot von Europa aus nach New York gesegelt, um ein weiteres Zeichen gegen Klimawandel und Co. zu setzen. Ihre Ankunft stieß zumindest hier in Deutschland auf ein reges Medieninteresse. Auch der NDR hat auf seinen Internetseiten dazu berichtet (Titel: „Greta Thunberg und Boris Herrmann in New York“, NDR, 28.08.2019). Die Kommentare der Leserinnen und Leser dazu waren aber überwiegend nicht von Wertschätzung für Gretas Handeln geprägt – sondern eher im Gegenteil mürrisch und ablehnend. Warum? Warum passiert das so häufig?

Reizthemen im Internet – Sachlich geht anders

Das Menschen im Internet nicht nur ihre beste Seite zeigen, ist hinlänglich bekannt. Cybermobbing, Hate-Speech, Shitstorms sind an der Tagesordnung. Es wird beleidigt, gepöbelt, geschmäht, gelogen und verleumdet, was das Zeug hält. Kaum ein soziales Thema, das nicht geeignet ist, die Massen emotional zu erregen und aufzuregen: Homöopathie, Impfungen, Pflanzenschutz, Gentechnik, Frauenrechte oder Migration. Die Liste lässt sich noch fortsetzen. Auch der Klimawandel darf nicht fehlen. Bis heute wird daran gezweifelt, ob der Klimawandel von Menschen verursacht wird, bzw. ob er überhaupt stattfindet. (s. Wikipedia: „Klimawissenschaftsleugnung“).

Von den Anfeindungen sind oft gerade die Menschen betroffen, die sich für oder gegen etwas einsetzen. Auch, wenn es prinzipiell um etwas Gutes geht, z. B. um eine gesunde Umwelt. Auch Greta Thunberg ist davon keine Ausnahme. Man muss gar nicht lange suchen, um entsprechende Abwertungen zu finden. In den Kommentaren zu dem oben erwähnten NDR-Bericht wird man schon schnell fündig.

Ein Nutzer fordert den NDR beispielsweise auf (s. Abbildung), eine nicht näher bestimmte Gruppe („uns“) nicht mehr mit Greta zu nerven. Die Berichterstattung würde niemanden interessieren, außer einer kleinen völlig, ideologisierten, grünen Minderheit und ein paar jugendlichen „Weltverbesserern“, behauptet er.

kommentar zu Greta Thunberg (Quelle NDR.de)
Kommentar zu Greta Thunberg „ideologisiert und nervig“(Quelle NDR.de)

Warum so negativ?

Sicher ist der Kommentar noch vergleichsweise harmlos. Aber in meiner Wahrnehmung kommuniziert er deutlich eine negative Grundhaltung gegenüber Greta persönlich, aber auch gegen andere Gruppen, die sich für eine bessere Welt einsetzen. Aber: Brauchen wir nicht gerade diese Menschen, die sich aktiv für einen Wandel beim Klimaschutz einsetzen, also die Aktivistinnen und Aktivisten, die auf die Notwendigkeit von Veränderungen hinweisen und hinwirken. Brauchen wir nicht solche Menschen, die unermüdlich daran erinnern, dass die Welt nicht nur Ponyhof ist? Aber warum sehen sich diese Menschen so viel Abneigung gegenüber?

Ich wollte es genauer wissen und bin bei der Suche nach Antworten auf eine kanadische Studie gestoßen, die ich in diesem Zusammenhang ganz interessant finde. Sie beschäftigt sich mit dem Phänomen, warum Menschen Aktivistinnen und Aktivisten ablehnen und sich gegen die geforderten Veränderungen zur Wehr setzen.

Das für die Studie verantwortliche Team um die Wissenschaftlerin Nadia Y. Bashir hat sich mit der Frage auseinandergesetzt, ob negative Klischees bzw. Stereotype über Aktivistinnen und Aktivisten den Wiederstand gegen sozialen Wandel erhöhen können. Die Überlegung dabei ist, dass einige Menschen sich weigern könnten, sich auf die Anliegen einer sozialen Bewegung positiv einzulassen, weil sie schlecht über die daran beteiligten Personen denken.

Aktivistinnen und Aktivisten bedienen verschiedene Klischees

Um die Vermutung zu belegen, hat das Team mehrere Teilstudien durchgeführt. Dabei standen der Feminismus und der Umweltschutz im Fokus der Betrachtungen. Zunächst wurden entsprechende Klischees ermittelt, die mit den Aktivistinnen und Aktivsten der jeweiligen Bewegung typischerweise in Zusammenhang gebracht werden. Auf der Liste der typischen Klischees über Feministinnen stehen Eigenschaften wie: „Sie hassen Männer“, „Sie benehmen sich wie Männer“ oder „Sie sind unattraktiv“. Über Umweltschützer heißt es u. a: „Sie sind Hippies“, „unhygienisch“, „militant“ oder „Vegetarier“ (!). Interessant wäre zu wissen, welche Stereotype es in Deutschland gibt. Wahrscheinlich ähnliche.

Auf Grundalge der ermittelten Stereotype folgten im Rahmen der kanadischen Studie weitere Untersuchungen. Die Befragten mussten beispielsweise angeben, wie groß ihre Bereitschaft sei, sich mit Vertreterinnen und Vertreter der jeweiligen Bewegung einzulassen, die den negativen Klischees typischerweise entsprechen. Außerdem mussten sie angeben, ob sie eher den Forderungen der „typichen“ Aktivistinnen und Aktivisten nachkommen würden, oder eher den „untypischen“ Vertreter*innen folgen würden.

Die Ergebnisse der Studie sind eindeutig: Nicht alle Menschen lehnen Aktivistinnen oder Aktivsten pauschal ab. Jedoch: Je größer die Einschätzung ist, dass eine Aktivistin oder ein Aktivist mit den negativen Klischees, die es über sie/ihn gibt, übereinstimmt, desto negativer ist die Wirkung auf die Befragten. Konsequenterweise sinkt dadurch die Bereitschaft, sich mit den Personen einzulassen und ihre Forderungen nach Wandel zu unterstützen.

Militanter Aktivismus schreckt ab

Die Autorinnen und der Autor des Papers, folgern aus ihren Beobachtungen, dass Personen, die aggressiv für Veränderungen und neue Verhaltensweisen eintreten, leicht als militant und feindlich eingeschätzt werden. „Ironischerweise und trotz guter Absichten entfremden sich die Menschen, die sich am meisten für sozialen Wandel einsetzen, von Teilen der Bevölkerung und behindern dadurch die Motivation für den Wandel“, so das Fazit des Autorenteams.

Sicher ist die hier vorgestellte Studie von Nadia Y. Bashir und ihren Kolleginnen und Kollegen nicht die einzige gültige Erklärung, warum Menschen, die besonders für eine Sache eintreten, nicht gemocht werden. Wiederstand gegen den Wandel hat viele Aspekte, aber die Argumentation ist nachvollziehbar: Mit Menschen, die man nicht mag, gibt man sich nicht gerne ab.

Auch Politiker äußern sich zu Greta und zu „Fridays for Future“

Was mir bei der Recherche für diesen Beitrag noch in die Hände gefallen ist, sind einige Kommentare deutscher Politiker über Greta und die „Fridays for Future“ Bewegung. Sie zeigen exemplarisch, mit welchen Argumenten und auf welche mehr oder weniger unterschwellige Weise die Bewegung abgewertet wird. Zum Beispiel der Kommentar von Christian Lindner (Bundesvorsitzender der FDP):

„Ich finde politisches Engagement von Schülerinnen und Schülern toll. Von Kindern und Jugendlichen kann man aber nicht erwarten, dass sie bereits alle globalen Zusammenhänge, das technisch Sinnvolle und das ökonomisch Machbare sehen. Das ist eine Sache für Profis. CL“ (Twitter, 10.03.2019)

(Anmerkung: Die Profis möchte ich übrigens sehen, die alle globalen Zusammenhänge kennen und das technisch Sinnvolle und das ökonomisch machbare sehen können. Mit dieser Gabe sind sicher auch nicht viele Erwachsene gesegnet, wenn ich mir manche Diskussion über das Thema Nachhaltigkeit anschaue.)

Auch dass Greta und die Schülerinnen und Schüler an Freitagen nicht zu Schule gehen, um für ihre Zukunft zu demonstrieren, stößt negativ auf. Das zeigt der Kommentar von Albert Rupprecht (Bildungspolitischer Sprecher der CSU):

Zwar begrüßte er […] es grundsätzlich, wenn Jugendliche sich in die politische Debatte einmischen, um Gesetze zu verändern. Aber: „Etwas vollkommen anderes ist es, wenn Jugendliche die Schule schwänzen und gegen Gesetze und Regeln verstoßen, um eigene Vorstellungen durchzusetzen. Das ist vollkommen inakzeptabel.“ (Zitiert nach welt.de vom 29.01.2019)

Und dass sie eine klare Botschaft zum Klimawandel hat, grenzt für einige Menschen an pure Ideologie, wie das Beispiel von Paul Ziemiak (Generalsekretär CDU) deutlich macht:

„Greta Thunberg findet deutschen Kohlekompromiss „absurd“ – Oh, man… kein Wort von Arbeitsplätzen, Versorgungssicherheit, Bezahlbarkeit. Nur pure Ideologie Arme Greta!“ (Twitter, 08.02.2019).

Fazit

Sicherlich kann Greta als Aktivistin bezeichnet werden. Ich persönlich nehme sie aber weder als militant noch als aggressiv wahr. Aber möglicherweise sehen das andere Menschen anders und können sie deshalb oder aufgrund anderer Gründe nicht leiden.

Auch wenn: Dass man Aktivistinnen und Aktivisten nicht leiden kann, ist eine Sache. Dass man sie im Internet beleidigt und herabwürdigt, eine andere. Menschen, die im Internet ihre guten Manieren vergessen, sind auf ihre eigene Art und Weise militant und aggressiv. In ihrer Echokammer mögen sie dafür Applaus ernten. In der Sache führt es aber zu einer Verhärtung der Fronten und zu einer Spaltung zwischen den beteiligten Gruppen. Ein an der Sache ausgerichteter und lösungsorientierter Dialog ist dadurch erheblich erschwert. Und das dient weder dem Klimaschutz, noch den anderen notwendigen sozialen Veränderungen. Oder?

Die hier vorgestellte Studie:

Bashir, N. et al. (2013). The ironic impact of activists: Negative stereotypes reduce social change influence. European Journal of Social Psychology 43, Seiten 614 -626, DOI: https://doi.org/10.1002/ejsp.1983

Christian H. Meyer
Ich bin Christian H. Meyer. Hier im Blog schreibe ich über Themen und Ideen aus den Bereichen Nachhaltigkeit, Coaching und Forschung. Und außerdem über das, was mich sonst noch interessiert. Wenn Ihnen dieser Beitrag gefällt, zögern Sie nicht, ihn zu teilen oder zu kommentieren. Fragen dazu beantworte ich gerne.

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