Wicked Problems muss man gemeinsam zähmen, dann klappt es auch mit der Nachhaltigkeit

Ein Wicked Problem

Seit einigen Jahren beschäftige ich mich mit dem Thema Nachhaltigkeit in der Agrar- und Ernährungswirtschaft. Dabei stoße ich immer wieder auf den Begriff „Wicked Problem“; auf Deutsch etwa sinngemäß „vertracktes Problem“ oder „verzwicktes Problem“. Damit bezeichnet werden im Allgemeinen komplexe Probleme oder Herausforderungen, bei denen die Lösung nicht sofort auf der Hand liegt. Beispiele dafür sind: die nachhaltige Entwicklung der Landwirtschaft, die Verbesserung des Tierwohls oder die Veränderung des Konsumverhaltens in der Bevölkerung. Das ist Grund genug, dass ich mich einmal in diesem Blogbeitrag mit den Wicked Problems auseinandersetze.

10 Charakteristika von Wicked Problems (Rittel und Webber, 1973)

Das Konzept der Wicked Problems stammt im Wesentlichen vom Designwissenschaftler Horst W. J. Rittel. Zusammen mit seinem Kollegen dem Stadtplaner Melvin M. Webber hat er zu Beginn der 1970er in einem vielzitierten Beitrag (engl.: „Dilemmas in a General Theory of Planning“) zehn Charakteristika eines Wicked Problems zusammengetragen.

Diese lauten auf Deutsch etwa (eigene Übersetzung):

  1. Es gibt keine endgültige/abschließende Formulierung eines Wicked Problems.
  2. Wicked Problems haben keine Stop-Regel, weil sie nicht abschließend definiert werden können (s. Punkt 1)
  3. Lösungen eines Wicked Problems sind weder richtig noch falsch, sondern gut oder schlecht
  4. Es gibt keinen Schnelltest und keinen ultimativen Test für eine Lösung eines Wicked Problems.
  5. Jede Lösung eines Wicked Problems ist eine einmalige Maßnahme, weil es keine Möglichkeit gibt sie vorher zu testen. Jeder Versuch zählt maßgeblich.
  6. Es gibt keine abzählbare Menge möglicher Lösungen für ein Wicked Problem
  7. Jedes Wicked Problem ist im Kern einzigartig.
  8. Jedes Wicked Problem kann als Symptom eines anderen Problems verstanden werden.
  9. Es gibt viele Arten, die Missverhältnisse, die bei Wicked Problems bestehen, zu erklären. Die Wahl der Erklärung bestimmt die Richtung der Problemlösung.
  10. Der Planer/die Planerin hat kein Recht falsch zu liegen.

Auch wenn der Beitrag von Rittel und Webber schon fast 50 Jahre alt ist: Von seiner Aktualität hat er nichts eingebüßt. Auch heute stellen uns noch viele vertrackte Probleme vor große gestalterische und planerische Herausforderungen. Dabei gilt: Um ein verzwicktes Problem zweifelsfrei zu identifizieren, muss es nicht alle der oben genannten 10 Punkte erfüllen. Je mehr der oben genannten Punkte aber auf ein Problem zutreffen, desto wahrscheinlicher ist es „wicked“.

Das Gegenteil von „wicked“ ist „zahm“

Schaut man ins Wörterbuch, stehen dort für „wicked“ auf Deutsch unter anderen die Bedeutungen „böse“ oder „boshaft“. Bei den „Wicked Problems“ ist aber nicht das Böse, ethisch Verwerfliche gemeint, sondern das Vertrackte an den zu bewältigenden Herausforderungen. Das Gegenteil eines Wicked Problems haben Rittel und Webber als ein „zahmes Problem“ (engl. „tame problem“ bezeichnet.

Ein zahmes Problem hat wie eine Rechenaufgabe oder ein Schachspiel ein eindeutiges Ergebnis. Eine Schachspielerin oder ein Schachspieler weiß, dass sie gewonnen hat, wenn der König des Gegners oder der Gegnerin schachmatt gesetzt ist. Der Weg dahin kann zwar viele verschiedene Züge beinhalten, doch die Regeln dafür und das Ziel sind klar.

Für viele zahme Probleme kann man übrigens gut SMARTe-Ziele formulieren, weil man die Lösungsansätze gut auf den Punkt bringen kann. Bei Wicked Problemen ist das nicht ohne Weiteres der Fall (Charakteristikum 1). Sie haben oft eine starke soziale bzw. gesellschaftliche Komponente.

Ein erster Schritt zum Zähmen von Wicked Problems: Zusammenarbeit

Die nachhaltige Transformation der Agrar- und Ernährungswirtschaft, d. h. ihr Wandel hin zu mehr Nachhaltigkeit, berühren zahlreiche gesellschaftliche Belange. Immer häufiger wird die Art und Weise wie Lebensmittel hergestellt und gehandelt werden zum Streitpunkt zwischen verschiedenen Gruppen. Was nachhaltig ist, darüber herrscht allerdings keine Einigkeit; über den Weg dorthin erst recht nicht. Weniger Fleischkonsum, mehr staatliche Kontrolle oder Wertschätzung für Lebensmittel: In den Echokammern des Internets wird darüber heftig diskutiert – zum Teil auch unsachlich und beleidigend.

Doch nicht das Gegeneinander führt zu Veränderungen und Verbesserungen von Missständen, sondern das Miteinander. Der Fokus auf Gemeinsamkeiten und ein intensiver Dialog über die Sache sind erste Schritte, um Wicked Problems zumindest etwas in den Griff zu kriegen, d. h. sie zu zähmen. Um dies jedoch zielgerichtet zu tun, müssen Wissenschaft, Wirtschaft, Politik und Zivilgesellschaft verstärkt zusammenarbeiten. Diese Erkenntnis ist in den letzten Jahren gereift und viele gute Ansätze sind bereits verwirklicht.

In sogenannten Social Labs oder Reallaboren beispielsweise versucht man, fachübergreifende (interdisziplinäre) Maßnahmen zu entwickeln und unter realen Bedingungen zu testen. Dies liefert leider auch keine schnellen und ultimativen Ergebnisse (s. Charakteristikum 4), aber häufig zumindest kreative und von allen akzeptierte Lösungsansätze. Diese sind es häufig wert, dass man sie weiter verfolgt. Ich finde diese Entwicklungsansätze sehr spannend; auch für meine eigene Arbeit.

Die Bedeutung von Systemen und Systemdenken

Schon in ihrem Beitrag von 1973 haben Rittel und Webber darauf hingewiesen, dass das Denken in Systemen („systems-approach“) für das Management von Wicked Problems hilfreich ist. Allerdings ist auch das Systemdenken kein Allheilmittel, weil auch gut analysierte Systeme unvorhergesehen reagieren können. Systeme funktionieren nicht wie ein Schachspiel nach klaren Regeln. Deshalb ist es beispielsweise bislang auch noch nicht möglich, die Zukunft verlässlich vorherzusagen. Gutgemeinte Maßnahmen können zu unerwarteten oder gar unerwünschten Ergebnissen führen. Reboundeffekte sind dafür ein Beispiel. So führt die Senkung des Kraftstoffverbrauchs bei PKW dazu, dass die Menschen größere Autos kaufen. Positive Umwelteffekte bleiben dabei auf der Strecke.

Die Visualisierung eines Netzwerks veranschaulicht ein soziales System
Die Visualisierung eines Netzwerks veranschaulicht ein soziales System (eigenen Darstellung)

Doch das Systemdenken hat auch Vorteile: Viele Arten von Systemen lassen sich in der Regel gut visualisieren (s. Beitrag zur Netzwerkanalyse). Auf dieser Basis lassen sich vermutete Zusammenhänge verdeutlichen und Geschichten erzählen („systemisches Storytelling“). Darauf aufbauend kann sich ein gemeinsames Verständnis eines vertrackten Problems entwickeln und unüberbrückbare Gegensätze können sich mit etwas gutem Willen annähern. Und das ist – wie bereits gesagt – ein guter Schritt ein wicked Problem zu zähmen.

Ich glaube, auch die Entwicklung einer nachhaltigen Agrar-und Ernährungswirtschaft kann davon profitieren. Wie sehen Sie das? Ich würde mich freuen, wenn Sie Ihre Gedanken als Kommentar zu diesem Beitrag hinterlassen.

Referenz: Rittel, H. W. J., Webber, M. M. (1973). Dilemmas in a General Theory of Planning, in Policy Sciences 4, 155-169

Christian H. Meyer
Ich bin Christian H. Meyer. Hier im Blog schreibe ich über Themen und Ideen aus den Bereichen Innovation, Coaching und Forschung. Und außerdem über das, was mich sonst noch interessiert. Wenn Ihnen dieser Beitrag gefällt, zögern Sie nicht, ihn zu teilen oder zu kommentieren. Fragen dazu beantworte ich gerne.

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